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70 Prozent Frauen. Und wenn die fehlen?

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5.5.26

An der Charité in Berlin beginnt alles ganz leise. Ohne Megafon, ohne Parole, und ohne Streikbanner. Sondern mit Kaffee, Kuchen – und einem Satz im Konjunktiv: Was wäre, wenn die Frauen der Charité streiken würden?

70 Prozent Frauen. Und wenn die fehlen?

INTERRAILS - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Es ist der 9. März 2026, der Tag des globalen Frauenstreiks. In über 90 Orten weltweit legen Frauen ihre Arbeit nieder. Nicht überall, nicht überall gleichzeitig, nicht überall sichtbar. Manche organisieren kurzfristig einen Babysitter und gehen mit Plakaten auf die Straße, manche nehmen sich frei vom Bürojob, andere schreiben eine Abwesenheitsnotiz und meinen es ernst, wieder andere überlassen ihre Aufgaben dem Partner, machen ihre verlängerte Mittagspause zur politischen Geste, boykottieren still den Supermarkt oder tragen einfach pink und treffen sich mit Freund*innen. Und viele arbeiten weiter – weil sie es müssen.

Weil ihre Arbeit sich nicht einfach unterbrechen lässt: nicht in der Pflege, nicht in der Betreuung, nicht zu Hause. Gerade Care-Arbeit lässt sich nicht einfach niederlegen. Jemand muss da sein. Und für viele ist das Risiko zu groß, es trotzdem zu tun. Der zentrale Satz dieses Tages: Wir sind 50 Prozent der Weltbevölkerung – und ohne uns läuft nichts.


Die Charité macht diese Zahl greifbar – und übertrifft sie noch. Hier sind sogar rund 70 Prozent der Beschäftigten Frauen. Ärztinnen, Pflegerinnen, Reinigungskräfte, Verwaltungsangestellte. Ein Betrieb, der ohne sie nicht funktioniert. Und gleichzeitig ein Betrieb, in dem Macht ungleich verteilt ist. „Das Problem ist, dass nur 20 % der Leitungspositionen mit Frauen besetzt sind. 80 % der Führungspositionen sind männlich besetzt.“, sagt Christine Kurmeyer, Frauen- und Gleichstellungs- beauftragte der Charité. „Das ist eigentlich genau der Widerspruch, den wir hier sehen.“


Die Mehrheit arbeitet – die Minderheit entscheidet


Die Idee zur Versammlung entsteht kurzfristig. Klassische Protestformen greifen hier kaum. „In Berlin haben wir im Schnitt 19 Demos pro Tag – das läuft sich im wahrsten Sinne des Wortes tot“, sagt Kurmeyer. „Und zum Streik dürfen wir rechtlich gar nicht aufrufen.“ Also nutzt sie ein anderes Instrument: die Frauenvollversammlung, ein formales Recht, das in vielen Betrieben kaum genutzt wird. Im Foyer eines Neubaus stehen Stellwände, auf denen Frauen ihre Gedanken anpinnen können. Es gibt Kaffee, Kuchen, den isländischen Film “Ein Tag ohne Frauen”, der so viel Mut macht, danach Gespräche. „Ich hatte vorher noch gesagt: Notfalls machen wir uns einfach eine nette Mittagspause, essen ganz viel Kuchen und schauen den Film.“ Dann kommen 50, 60 Frauen. Aus der Pflege, aus der Medizintechnik, aus der Verwaltung. Auch Wissenschaftlerinnen. Einige Männer setzen sich dazu. Der Filmraum ist brechend voll, danach wird weitergeredet. „Was mich wirklich berührt hat, war, dass auch viele Wissenschaftlerinnen da waren“, sagt Kurmeyer. „Die haben ja sonst eher Berührungsängste mit dem Begriff ‚Streik‘.“ In der akademischen Welt wird die eigene Arbeit oft nicht als klassische Erwerbsarbeit verstanden – und entsprechend selten als Teil von Arbeitskämpfen. Gerade deshalb ist es bemerkenswert, dass sie gekommen sind. Denn auch in Universitätskliniken gibt es klare Hierarchien – zwischen Wissen- schaft und Pflege, zwischen oben und unten. „Und trotzdem haben sie gesagt: Wir sind Frauen, und wir müssen zusammenhalten.“


Das Gesundheitssystem insgesamt baut darauf auf, dass Frauen es tragen – oft unter hoher Belastung, oft schlecht bezahlt, oft ohne echte Ausweichmöglichkeiten. Sich zu verweigern, ist deshalb nicht nur eine individuelle Entscheidung, sondern stellt ein System infrage. „Alles baut im Grunde darauf auf, dass die Frauen in ihren jeweiligen Positionen einfach weiterarbeiten“, sagt Kurmeyer.


Die Vollversammlung setzt genau dort an. Frauen aus unterschiedlichen Bereichen sitzen im selben Raum – viele arbeiten ohnehin im selben Betrieb, oft auch nebeneinander, aber selten mit einem gemeinsamen Bezugspunkt. An diesem Tag geht es nicht um Abteilungen oder Zuständigkeiten, sondern um etwas, das sie verbindet: dass sie Frauen sind – und dass ihre Arbeit, so unterschiedlich sie ist, auf ähnliche Weise als selbstverständlich gilt und oft unsichtbar bleibt. „Wenn die Frauen hier fehlen, dann funktioniert nichts mehr“, sagt Kurmeyer.


Das ist ein starkes Beispiel – und eine Blaupause. Jede öffentliche Einrichtung, jedes größere Unternehmen hat Gleichstellungsbeauftragte mit ähnlichen Rechten. Vollversammlungen können einberufen werden, Beschäftigte sind für diese Zeit freigestellt. Die Frage ist nicht, ob es die Strukturen gibt – sondern ob sie genutzt werden. Für den nächsten 9. März bedeutet das: mehr Betriebe, mehr solcher Versammlungen, mehr Orte, an denen diese Frage gestellt wird – nicht als Parole, sondern im konkreten Arbeitszusammenhang. Nicht von außen, sondern von innen. Der 9. März 2026 war (noch) nicht flächendeckend und auch kein Generalstreik. Dafür sind die Bedingungen der Frauen zu unterschiedlich, ihre Risiken zu ungleich verteilt. Aber er hat gezeigt, wo die Ansatzpunkte liegen und ließ bei viele Frauen erstmals eine Idee davon entstehen, was eigentlich passieren müsste, damit die „50 Prozent“ politische Wirkung entfalten können – dann dort, wo sie tatsächlich zusammenarbeiten. Die Hälfte ist da. Jetzt geht es darum, sie handlungsfähig zu machen.

© 2025 Rita Schuhmacher

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